Fortsetzung 2: Annehmen wie es ist…

… Irgendwann jetzt fing ich an zu verstehen, das die 90% Sicherheit gnadenlos von den 10% EventualitĂ€t aufgefressen wurden. Mit einem Mal wendete sich das Blatt so drastisch das da 100% im Raum standen.

Hallo, sagt die RealitÀt und verpasst der Hoffnung eine Ohrfeige.

Meine Stimmung trĂŒbte immer mehr. Langsam verstand nun auch meine letzte Gehirnzelle, unser Sohn wird operiert. Zu 100% – entgegen jeglicher Hoffnung. Die Frage ist nur noch wann.

Christoph fragte, ob das immer besser werdende Laufen etwas an der aktuellen Situation Ă€ndern könnte – ob sich dadurch etwas an Bens Beckenpfannen und co. richten könnte. Aber das wurde glasklar verneint. Ich kam mir wĂ€hrend dieser Unterhaltung wie geistig gar nicht anwesend vor. Ich hörte gar nicht mehr richtig hin und mischte mich mit einem Mal ins GesprĂ€ch ein und fragte, hab ich das jetzt richtig verstanden? Ben muss operiert werden, daran gibt es keinen Zweifel? Christoph und die Ärztin schauten mich an und stimmten dieser Aussage zu. Christoph hatte es schon viel eher als ich begriffen oder zugelassen es zu begreifen. Verdammt da waren sie dahin, 90% purer Optimismus. Übrig blieben 100% Verwirrung, UnverstĂ€ndnis und Angst.

Da Ben gerade in einer Phase ist in der sein Laufen gefĂŒhlt von Tag zu Tag besser und stabiler wird, war auch die Ärztin auf unserer Seite, das wir die OP versuchen soweit es geht nach hinten zu verschieben. Im Dezember haben wir einen nĂ€chsten Termin im Krankenhaus zur Kontrolle, mit Röntgenaufnahme. Dann wird weiter entschieden – je nachdem was das Bild und Bens Gehen uns dann sagt. Entweder können wir weiter abwarten oder es muss „demnĂ€chst“ gemacht werden. Klar ist jedoch, das die Operation stattfinden wird bevor unser kleiner Held eingeschult wird.

Klar ist auch der folgende zeitliche Ablauf:

  • mind. 8 Tage Krankenhausaufenthalt in Hamburg (wenn kein Fieber etc. dazwischenkommt – dann dauert es lĂ€nger)
  • 6 Wochen Gipsbett oder ein extra fĂŒr Ben angefertigtes Schaumstoff-Ding (nenn ich jetzt einfach mal so – ich weiß nicht aus welchem Material das sein wird), wo er drin liegen muss. Je nachdem, ob er artig stillliegt oder ein Wirbelwind ist.
  • im Anschluss ca. 3-4 Wochen Reha in Hamburg

Jo… puh. Mir wird schon wieder ganz anders bei dem Gedanken daran. Wenn es ihm hilft und unumgĂ€nglich ist – lassen wir es selbstverstĂ€ndlich machen. Trotzdem blutet das Elternherz aus allen Poren!

Die OP wird ca. 2 Stunden dauern. Es werden 2 Schnitte gemacht, lĂ€ngs am Bein und waagrecht an der HĂŒfte. Ein Elternteil wird dann selbstverstĂ€ndlich mit Ben im Krankenhaus sein und auch dort schlafen. Die anschließenden 6 Wochen werden zu Hause verbracht. Und die Reha dann wieder in Hamburg – an der Klinik ist seit kurzer Zeit eine Reha-Klinik angebunden.

Nachdem wir uns den Termin fĂŒr Dezember geholt hatten, gingen wir zum Auto. Absolut geknickt und voller UnverstĂ€ndnis. Diese ganze Situation drĂŒckte so auf den Brustkorb und unser GemĂŒt, das es schwer fiel tief Luft holen zu können. Wir setzen Ben ins Auto und fuhren los. Er war so lebensfroh und happy wie immer, ich weiß nicht ob er unsere Stimmungsschwankung bemerkte. Man will sich ja immer fĂŒr seine Kinder zusammenreißen und sich nichts anmerken lassen. Ich war in dieser Situation so froh das ich nicht hinter Christoph und somit neben Ben sitzen musste – mit seinen 2 m sitzt Christoph fast auf der RĂŒcksitzbank (kleiner Spaß muss auch mal sein) und lĂ€sst keinen Platz fĂŒr jemanden hinter sich – weil ich mich einfach nicht mehr beherrschen konnte. Ich hasse es zu weinen, ich hasse es wenn das jemand mitbekommt, ich hasse diese verletzliche, unbeherrschte und schwache Seite an mir! Ich schaute starr aus meinen Seitenfenstern, ich versuchte mich abzulenken, ich versuchte krampfhaft meine TrĂ€nen zu unterdrĂŒcken, ich versuchte krampfhaft stark zu sein. Obwohl ich total leer war und an eigentlich gar nichts dachte flossen trotzdem die TrĂ€nen. Unaufhaltsam, ohne eine Chance sie unterdrĂŒcken zu können. TrĂ€nen der Angst. TrĂ€nen darĂŒber das wir Ben diese OP und all die lĂ€stigen AnhĂ€ngsel dieser OP nicht ersparen können. TrĂ€nen ĂŒber die Tatsache das wir machtlos sind und unser Kind wieder fĂŒr Stunden in die Obhut fremder Menschen geben mĂŒssen und das wir ihn wieder an einer TĂŒr verabschieden mĂŒssen und nicht wissen wie er das alles verkraften wird. Ich versuchte nicht zu schluchzen… ich wollte nicht das Ben etwas bemerkt. Ich musste mir die Nase putzen – Christoph fragte – ob ich jetzt einen Schnupfen bekommen wĂŒrde. Dann war alles zu spĂ€t. Ich musste zugeben das ich weine, ich konnte kaum was sagen – alle DĂ€mme brachen. Christoph nahm meine Hand und versuchte mich zu beruhigen, fĂŒr mich da zu sein. Wir sprachen ein paar Worte ĂŒber das was heute gewesen ist… .

Wir fuhren noch rasch bei meiner Schwester in Hamburg vorbei, um etwas abzuholen. Ich versuchte mich zu konzentrieren das meine bereits getrockneten TrĂ€nen nicht sichtbar waren. Und dann kam das was kommen musste… meine Schwester und ich standen in ihrer Wohnung und es brach mitten im GesprĂ€ch aus mir raus – Ben muss operiert werden. Mit diesem Satz fĂŒllten sich auch wieder meine Augen mit TrĂ€nen. Es tat so gut, das meine Schwester mich in so einem Moment in den Arm nehmen und trösten konnte! Gerade jetzt wo wir uns wegen Corona schon so lange nicht mehr sehen konnten, genoss ich diesen Schwesternmoment in vollen ZĂŒgen. Danke Jule, beste kleine Schwester auf der Welt, ich hab dich so lieb und vermisse dich so sehr!!!

Mit fast 2 Wochen Abstand zu diesem Tag muss ich sagen, sitzt der Schreck noch immer mehr als tief. Wir haben nur einfach keine Zeit viel darĂŒber nachzudenken. Ben wird diese Operation nach Stand jetzt nicht erspart bleiben. Sollten wir vor Dezember VerĂ€nderungen seines Laufens beobachten, Humpeln, das Bens Bein sich verkĂŒrzt oder Ähnliches, dann mĂŒssen wir frĂŒher vorstellig werden. Einmal humpeln bedeutet anscheinend immer humpeln. Das bekommt man nicht mehr gerichtet & das wollen wir Ben ersparen. Er soll trotz und gerade wegen seiner Trisomie 21 ein möglichst normales Leben leben dĂŒrfen und können!!! Das ist Christophs und mein grĂ¶ĂŸter Herzenswunsch neben der Gesundheit!!!

Wir lieben dich kleiner Sonnenschein, deine stolzen Eltern❀!

Gern möchte ich an dieser Stelle die Möglichkeit nutzen und mal wieder danke sagen. Dieses Mal ganz tollen Menschen die ich zum Teil nicht einmal persönlich kenne, nur vom telefonieren. Die uns ihre UnterstĂŒtzung anbieten, Kontakte vermitteln und Erfahrungen mit uns austauschen wollen. Wir hatten noch keine Zeit und keinen Kopf diese GesprĂ€che zu suchen oder zu fĂŒhren. Wir sind aber sehr dankbar fĂŒr eure Hilfsbereitschaft und NĂ€chstenlieben!!!! Und wir sind unheimlich froh solche Menschen wie euch zu kennen.

4 Gedanken zu „Fortsetzung 2: Annehmen wie es ist…

  1. Ach du Liebe, das tut mir leid. Aber ihr werdet das schaffen ❀ Justus musste auch operiert werden. Ich weiß wie sich das anfĂŒhlt… doch danach ging es ihm besser. Und Ben auch❀Ich drĂŒck dich virtuell đŸ˜˜â€ïžAlles Liebe, Dany

    GefÀllt 1 Person

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